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Zur Tanzerziehung in Griechenland.

Informationen zum Tanz, 24, 21-23/11/2007, Deutscher Bundesverband Tanz E. V., Germany, 2007, p. 30-38.

von Alkis Raftis

 

   Vorweg bitte ich um Entschuldigung für mein Deutsch. Wenn man eine Sprache nur wenig beherrscht, ist man gezwungen, mit einem nur geringen Vokabular das auszudrücken, was man gern möchte. Das gelingt nicht immer, aber ich will mein Bestes versuchen. Außerdem möchte ich mich kurz vorstellen: ich bin kein Pädagoge, sondern Soziologe an der Universität von Patras und gleichzeitig Vor­sitzender des Griechischen Tanztheaters Dora Stratou in Athen. Mein Forschungsgebiet ist die Geschichte und Soziologie des Griechischen Tanzes. Ich habe ethnographische Forschungen in griechischen Dör­fern gemacht, habe etliche Bücher veröffentlicht und sammle Tanz­gedichte und Tanzillustrationen aller Art (Gemälde, Graphiken, Brief­marken etc.).

   Heute werde ich eine Einleitung in den Griechischen Tanz geben, dazu einige Diapositive zeigen, dann meine Meinung zum Tanzunterricht darstellen und zum Schluß meine Sicht zur Diskussion stellen.

   Alle Völker haben getanzt - aber die alten Griechen haben, so scheint es, besonders viel getanzt. Beweis dafür sind Tausende von Abbildun­gen, die uns erreicht haben als Vasenbilder oder Skulpturen, als Reli­efs, Statuetten oder Mosaike. Außerdem sprechen Tausende von Zita­ten in den alten Texten vom Tanz. Es gab natürlich auch Bücher und Abhandlungen über Tanz - zwar nicht mit Tanzbeschreibungen, aber mit Grundgedanken zum und über Tanz.

   Getanzt wurde zu allen Anlässen: in Religion und Kult, im Krieg, im Theater, bei Festen im Jahresablauf, aus familiären Anlässen. Hohe Priester, Staatsmänner, Generäle, Dichter und Philosophen - alle ha­ben öffentlich getanzt.

   Andere Völker haben sicher auch viel getanzt. Die Besonderheit, durch die die alten Griechen sich ausgezeichnet haben, war neben der ange­deuteten Quantität die Qualität der Reflexion über Tanz. Die Griechen waren das erste - und vielleicht auch das letzte - Volk, das den Tanz auf so hohem Niveau betrieben und reflektiert hat.

   Sie haben eine Philosophie des Tanzes entwickelt. Sie haben den Tanz auch als Erziehungsmittel eingesetzt, als Teil der »mousike« (Instrumentalmusik + Bewegung + Dichtung); dabei ha­ben sie der Mousike die gleiche Bedeutung beigemessen wie dem Sprachunterricht und der Körperkultur/Gymnastik. Zum Tanz in der griechischen Antike sind viele Abhandlungen und Bücher geschrieben worden, manche auch in deutscher Sprache.

   Auf die Antike folgt die Byzantinische Zeit. Unter römischer Oberho­heit haben die Griechen den Tanz, u.a. als Lehrer der Römer, zwar weiterentwickelt. Aber - die Römer hatten eine von den Griechen völ­lig verschiedene Mentalität, sie hielten nicht viel vom Tanz. Damals hat sich die Verbindung von Tanz und Pantomime entwickelt, die »Tanz­pantomime«, wie man vielleicht sagen könnte. Im Byzantinum wurde natürlich weiterhin getanzt, aber wir wissen wenig aus dieser Zeit.. Im Moment versuche ich mich an einer Dar­stellung des byzantinischen Tanzes und werde wohl mit einem nur kleinen Buch auskommen, weil es nicht einmal eine Bibliographie zum Tanz in dieser Zeit gibt.

   Auch aus der Ottomanischen Periode, die auf das Byzantinum folgt, haben wir praktisch keine Nachrichten über den griechischen Tanz. Nur einige Beschreibungen von europäischen Reisenden erzählen, daß es unter den zahlreichen Völkern des Balkan und des östlichen Mittel­meerraumes die Griechen waren, die den Tanz mehr als alle anderen liebten und pflegten.

   Seit 1830 ist Griechenland ein freier Staat, nur klein zu Anfang, aber bis heute stark gewachsen. Griechenland hat heute 10 Millionen Ein­wohner; ein großer Teil davon sind griechische Flüchtlinge, die vorher in Kleinasien, Bulgarien, Rumänien, Albanien, Ägypten oder rund um das schwarze Meer gelebt haben. Heute gibt es wieder ca. 3 Millionen Griechen im Ausland.

   Im modernen Griechenland wird nach wie vor viel getanzt. Ich spre­che von Griechischen Tänzen - neben den anderen Tanzformen wie Ballett, Gesellschaftstanz, Disco usw. Mir ist wichtig zu betonen, daß die Menschen bei uns noch immer die überlieferten Tänze tanzen, die sie in der Familie und mit Freunden gelernt haben und lernen. Jeder tanzt die Tänze seines Dorfes, seiner Insel (es gibt 100 griechische Inseln) oder seiner Region. Die wenigsten sind interessiert daran, die Tänze aus anderen Orten des Landes zu lernen, fast keiner lernt die Tänze fremder Länder. Bei Familienfesten und in den Tavernen tanzt man seine eigenen Tänze, manchmal auch in Diskotheken. So gibt es praktisch keine Hochzeit ohne griechische Tänze. Das sind keine Tän­ze, die durch einen Tanzlehrer vermittelt sind, das ist ursprüngliches traditionelles Tanzen. Noch heute finden wir bis dahin unbekannte Tänze in Dörfern, in denen nie ein Tanzlehrer, ja überhaupt nie ein Lehrer gewesen ist.

   Das verstehen wir unter »traditionellem Tanz«, während wir mit »Volks­tanz« den Tanz bezeichnen, der in der heutigen Gesellschaft durch Lehrer überliefert, oft erst von ihnen erarbeitet ist. In Griechenland erkennt man sofort den Unterschied zwischen einem »traditionellen Tänzer« und einem »Volkstänzer«, auch wenn beide denselben Tanz tanzen.

   Nun könnte mich jemand ragen: Wieso habe ich als Tourist in Grie­chenland dieses »traditionelle« Tanzen nie gesehen? Die Antwort ist einfach: weil die Leute diese Tänze nur tanzen, wenn sie unter Freun­den sind, aber nicht mit Fremden. Auch ein Grieche aus einer anderen Region ist in diesem Sinne ein Fremder. In der Regel feiern die Touri­sten nicht mit bei Dorffesten, bei Hochzeiten - auch nicht in den re­gionalen Tavernen, wo die Gäste nur die einheimischen Tänze tanzen, es gibt dort keine »Show«. Touristen dagegen sehen nur das Volks­tanzen der Profis in speziellen Bars, die praktisch nur von Touristen besucht werden, oder der Volkstanzgruppen auf Festivals. Dort lernen sie z. B. den »Syrtaki« kennen, der nun wirklich kein Volkstanz ist, sondern gewissermaßen eine Choreographie »für den Export«. Ein deutlicher Beweis für die Lebendigkeit des griechischen Tanzes bis heute ist die Tatsache, daß es ca. 5000 Tanzgruppen gibt, eine riesige Zahl für ein so kleines Land, darunter etwa 1000 Gruppen in der Diaspora, also von im Ausland lebenden Griechen überall auf der Welt. Dabei ist zu beachten, daß all diese Gruppen existieren ohne jede Unterstützung von außen - im Gegensatz zu den Gruppen in den ex­sozialistischen Ländern, die stark vom Staat finanziert waren und fol­gerichtig heute aufgelöst sind.

   An der Spitze dieses Phänomens steht ein Theater, das wohl einmalig in der Welt ist, ein Theater, das ausschließlich dem Volkstanz gewid­met ist - mit 100 Leuten Personal (65 Tänzer, 15 Musikanten und Sänger, 10 weitere fest Angestellte und einige Zeitangestellte), mit einer Garderobe von 2.500 Originaltrachten (in griechischen Dörfern geschneidert) und mit einem riesigen Archiv (Tonaufnahmen, Filme, Bücher, Tonträger). Ich spreche vom »Dora Stratou Theater«. Es ver­fügt über eine eigene Freilichtbühne mit 900 Zuschauerplätzen und über ein fünfstöckiges Gebäude in der Plaka, dem antiken Zentrum Athens unterhalb der Akropolis.

   Es ist wirklich wie kein anderes Theater auf der Welt. Es ist beseelt von einer, ich möchte sagen, »Museums-Philosophie«: es soll und will die traditionellen Tänze sammeln, bewahren und zeigen. Es hat - und auch das dürfte wohl einmalig sein - keinen Tanzmeister, keinen Choreographen, keinen Tanzlehrer. Die Tänzer übernehmen und be­halten die Tänze, wie sie sie bei älteren Leuten in den Dörfern gese­hen haben.

   Weil wir ein Theater-Museum sind, führen wir Tanzkurse durch (mit ca. 300 Teilnehmern/Jahr), Seminare, Master-Classes für Tanzlehrer, Tanzforschungskongresse, Ausstellungen von Trachten, Tanzabende für alle in Tavernen und arrangieren Konferenzen mit Vorträgen von Experten der Folklore in spezifischen Regionen. Das Dora Stratou Theater hat 40 Bücher veröffentlicht, 50 Schallplat­ten und CDs, Videocassetten u.a. Wir schneidern auf Bestellung Kopi­en unserer Trachten für andere Tanzgruppen und wir helfen ständig den anderen Gruppen im Land.

   Die Existenz einer derartigen Institution mit so breit gestreuten Akti­vitäten ist ein Zeichen für die hohe Bedeutung und Einschätzung des Tanzes bei den Griechen. Das kostet natürlich viel Geld. Die Hälfte unseres jährlichen Etats, rund eine halbe Million DM, trägt das grie­chische Kulturministerium, die andere Hälfte wird über den Verkauf von Eintrittskarten und von Veröffentlichungen eingespielt. An dieser Stelle ist es mir sehr wichtig zu betonen, daß der traditio­nelle Tanz - im Gegensatz vielleicht zum Gesellschaftstanz - kein flüch­tiges Vergnügen, kein Spaß ist. Dieser Tanz ist eine äußerst seriöse Sache, er ist ein Ritual. So sieht man die Tanzenden während des Tanzes selten oder nie ausgelassen lachen, aber eine Freude, ein Lä­cheln, das von innen kommt, durchstrahlt ihre Gesichter. Sie sind -ich gebrauche bewußt diese Formulierung - mit ganzem Herzen beim Tanz und erfüllt von der Freude, die der Tanz ihnen schenkt. »Vergnü­gen« oder »Spaß« wären hier die falschen Begriffe.

   Die moderne Gesellschaft hat den traditionellen Tanz entwertet - er ist entweder zum Spektakel geworden für passive Zuschauer, darge­boten von professionellen Tänzern, oder zum Vergnügen für den Tän­zer im sog. Amateur- oder Laientanz. Dabei geht vieles verloren: der traditionelle Tanz birgt noch Spuren von Religion, von Kampf und Po­litik und schließlich auch von Erziehung - das alles sind nicht unbedingt vergnügliche, aber auf jeden Fall seriöse Sachen. Ich beziehe den Unterschied »traditionell - folkloristisch« nicht auf die Tänze, sondern ausdrücklich auf die Tänzer. Der Kalamatianös kann traditionell oder folkoristisch getanzt werden. Das hängt davon ab, ob der Tänzer auf traditionelle Weise im Familien- oder Freundeskreis zu tanzen gelernt hat oder auf »institutionelle« Weise durch einen Leh­rer.

   Damit bin ich beim zentralen Thema des Symposions angelangt, bei der Pädagogik. In Griechenland lernt man in der eben angedeuteten Weise zu tanzen - entweder im Familien- und Freundeskreis (traditio­nell) oder von Lehrern (institutionell). Das kann an der Universität sein, wo mein Kurs in der Erziehungsabteilung, Sektion Kindergarten der Universität Patras im letzten Jahr 100 Studierende umfaßte. 95 Studierende kannten und konnten allerdings schon einige griechische Tänze vor dem Kurs.

   Diese konnten sie bei entsprechenden Lehrern in der Grundschule gelernt haben oder im Sportunterricht in den weiterführenden Schu­len (z.B. Gymnasium/Lyceum). In den erziehungswissenschaftlichen Fakultäten an der Universität lernen die Studenten nur wenig Tanz. Im Sportstudium in den vier sportwissenschaftlichen Instituten Grie­chenlands (Athen, Thessaloniki, Thrakien, Thessalien) ist das Fach »Griechischer Tanz« allerdings obligatorisch, seit dem Jahr 1986 kann man es auch als Schwerpunktfach wählen.

   Die meisten jungen Leute lernen und praktizieren das Tanzen in Volkstanzgruppen. Eine Gruppe umfaßt 50 - 100 junge Leute, aber nie Musiker - die sind immer professionell. Auch in Ballettschulen bietet man in der Oberstufe ein wenig Griechi­schen Tanz an, in Gesellschaftstanzschulen ist er bisweilen im Pro­gramm enthalten.

   Wie unterrichtet man in Griechenland Tanz? Wie überall, nämlich mit der simplen Methode: »Mach es, wie ich das mache!« - in der Univer­sität leider nicht besser als in den Volkstanzgruppen. »Vormachen -Nachmachen« ist sicher eine sehr ursprüngliche und deshalb auch gute Methode, sie reicht aber bei weitem nicht aus, um eine Tanz­pädagogik zu begründen. (1996 konnte uns Prof. Dr. Klaus Kramer in einem Seminar in den Räumen des Dora Stratou Theaters zum ersten Mal und mit viel Erfolg weiterführende Ansätze zeigen. Hoffentlich schickt ihn der Deutsche Bundesverband Tanz noch einmal!) Obwohl ich kein Tanzpädagoge bin, sehe ich mich gezwungen zu überlegen, wie wir unsere Kurse in unserem Theater aufbauen. Nach mei­nen Beobachtungen und meiner Erfahrung gibt es sieben Weisen, ei­nen Tanz zu erarbeiten.

1.   Kopieren

Der Lehrer tanzt vor und die Studierenden sollen ihn, so gut es geht, kopieren.

2.   Vom Gehen aus

Der Lehrer beginnt mit einfachem Gehen,verbindet dann das Ge­hen mit der Musik, verändert dann progressiv den Schritt, bis end­lich der gewünschte Tanzschritt erreicht ist. Das ist psychologisch geschickt, weil das die Lernenden überzeugt, daß Tanzen sich aus der Gehbewegung entwickelt, es ist gewissermaßen nichts ande­res als »Spazierengehen«, nur mit einem anderen Rhythmus.

3.   Ganz frei

Der Lehrer tanzt allein, ohne etwas zu erläutern. Die Lernenden schauen zunächst nur zu und probieren anschließend - jeder für sich -, was sie behalten haben. Dann bilden sich kleine Gruppen, in denen man sich gegenseitig hilft. Der eine oder andere tanzt auch mit dem Lehrer. Dieser wechselseitige Prozeß läuft so lange, bis schließlich alle den Tanz »haben«.

4.   Von ähnlichen Tänzen aus

Der Lehrer wählt eine Serie von Tänzen mit gleicher oder ähnlicher Struktur, um sie der Reihe nach zu unterrichten. Er erleichtert da­mit den Zugang von einem zum anderen Tanz.

5.   Analytisch - synthetisch

Der Lehrer analysiert die einzelnen Schritte/Schrittkombinationen auf ihre Bausteine und läßt zunächst diese Teile einzeln erlernen. Anschließend packt er die verschiedenen einfachen Teile zum kom­pletten Schritt zusammen.

6.   Festhalten

Der Lehrer hält den Lernenden fest im Arm und zwingt ihn so, genau wie er selbst zu tanzen, evtl. nehmen auch zwei erfahrene­re Tänzer den Neuen ganz eng zwischen sich. Das hat sich beson­ders gut bewährt bei Tänzen, die eine stärkere vertikale Bewe­gung haben (z.B. die Sousta von den Dodekanes) und weniger horizontale Schritte, die man gut sehen kann.

7.   Regional

Der Lehrer begrenzt seine Tanzauswahl auf eine homogene Regi­on, damit die Studierenden die Musik und den Stil gut überneh­men können, damit sie gleichsam ein »Kulturbad« nehmen. Damit wird eine hohe Differenzierungsfähigkeit ausgebildet und vermieden, daß alle Tänze »glattgebügelt« und in immer der gleichen Weise vorgeführt werden, wie es in den meisten Volkstanzgruppen geschieht. Erst wenn das Repertoire einer Region gut beherrscht ist, wechselt man zu einer anderen.

   Soweit meine Eindrücke und Erfahrungen. Sicher gibt es noch viele andere Methoden, aber letzten Endes machen Methoden allein noch keine Pädagogik.

   Wir erheben nun nicht den Anspruch, eine »Pädagogik des Volkstan­zes« erarbeitet zu haben, vielleicht aber einige Regeln gefunden, die über Einzelmethoden hinaus zu einem dem Volkstanz angemessenen Unterrichtsstil führen. In den Kursen an unserem Theater haben wir damit experimentiert, um den eigentlichen Unterricht zu bereichern -mit ungleichem Erfolg. Einiges davon habe ich bereits vor einiger Zeit in der Zeitschrift tanzen (4/91 - 1/92) berichtet. Folgendes sind mei­ne Gedanken und Vorschläge:

1.   Zwei Lehrer lehren gleichzeitig, ein Mann und eine Frau. Zum ei­nen unterscheiden sich die Geschlechter in ihrer Weise zu tanzen, zum anderen können die Schüler, etwa bei Tänzen im Kreis, das Vorbild sowohl von vorn als auch von hinten beobachten. Es hat sich auch positiv bewährt, daß einer im Kreis, der oder die andere mit der Gruppe im Kreis tanzt. Oder die eine unterrichtet, während sich die andere um organisatorische bzw. technische Dinge küm­mert usw.

2.   Nach dem Unterricht oder an einem anderen Tag gehen die Lehrer mit den Kursteilnehmern essen und trinken, tanzen und singen. Man hat vielfach vergessen, daß der traditionelle Tanz ein (mehr oder weniger) festliches Ereignis war und und nicht mit Ballett­oder sportlichem Training verwechselt werden darf. Ohne den ge­sellig-festlichen Aspekt verarmen diese Tänze.

3.   Im ersten Kurs des Jahres stellen alle sich vor und bemühen sich von Anfang an um eine freundschaftliche Atmosphäre. Volkstänze werden nur unter Freunden und Vertrauten getanzt.

4.   Vor jedem Tanz erzählt der Lehrer etwas über die Geschichte des Tanzes (soweit sie bekannt ist), über seinen Herkunftsort, über die Region, über das soziale Bezugsmilieu, über die Anlässe, bei de­nen er getanzt wurde, über die für den Tanz und seinen Herkunfts­ort verbindlichen Umgangsformen (es wurde nämlich immer und überall streng darauf geachtet, was man in der Öffentlichkeit tun durfte oder lassen mußte) usw. Sonst verkommen die Tänze zu reinen Schrittfolgen.

5.   Es sollte gesetzlich gesichert sein, daß kein Lehrer Leute unter­richten darf, die die Musik nicht gut verstanden haben. Ich bin völlig dagegen, sich direkt an die Vermittlung der Tanzbewegungen zu begeben. Zuerst kommt die Musik, d.h. die Instrumente sind zu präsentieren, der Rhythmus muß erklärt werden, bis alle ihn ver­standen haben, die Melodie ist zu analysieren, der - häufig anzu­treffende - Wechsel zwischen fester Melodie und Improvisation ist zu verdeutlichen etc.

6. Die meisten Tänzen waren von Gesang begleitet, aber heute tan­zen alle mit »versiegeltem Maul«. Wir müssen wieder den Gesang ins Tanzen bringen.

7.   Ein Tanzunterricht ist kein Schulunterricht. »Tanz« im traditionel­len Verständnis und »Unterricht« sind zwei einander fremde Be­griffe. Obwohl demnach die Formulierung »Tanzunterricht« einen gewissen Widerspruch enthält, sind wir verpflichtet, Tanzunterricht durchzuführen, weil man heute das Tanzen nicht mehr in der Fa­milie lernt. Also müssen wir aufpassen, daß nicht die (für Schulen) typische Unterrichtsatmosphäre entsteht. Schwätzen, lachen, sin­gen, sitzen, rauchen, trinken, Witze erzählen usw. gehören dazu -Tanzunterricht sollte ein geselliges Ereignis bleiben.

8.   Man sollte Tänze nicht an Leute vermitteln, die nichts von ihren Charakteristika wissen wollen, nicht einmal davon, wo der Ursprungsort auf der Landkarte zu finden ist. Volkstänze gehören eben ursprünglich in eine bestimmte Gesellschaft, sie sind Aus­druck dieser Gesellschaft. Der Lehrer muß deshalb in solch eine kleine Gemeinschaft, die auf dieser Insel oder jenem Berg wohnt, einführen, damit der Tanz, »ihr« Tanz, gut »sitzt« - Tanz und Bezugsgesellschaft bilden eine Ganzheit.

9.   Ein/e Tanzlehrer/-Iehrerin muß sich bewußt und davon überzeugt sein, daß er/sie tiefer auf seine Schüler/-innen einwirkt als andere Lehrer, weil er/sie auf Körper und Seele gleichzeitig einwirkt. Wer Volkstanz lehrt, befaßt sich mit »Naturtänzen«, uralten In­strumenten, die Bewußtseinsänderungen einleiten oder begleiten. Damit soll gesagt sein, daß die Menschen diese Tänze in den wich­tigsten Momente ihres Lebens getanzt haben: bei Hochzeiten, zum Gebet, vor der Schlacht, sie haben auf heißen Kohlen getanzt, sie haben sie bis zur Ekstase getanzt, sie haben damit Fasching gefei­ert/den Frühling begrüßt oder für die Ernte gedankt usw.

   Mich macht es traurig zu sehen, daß es Leute gibt, die diese Tänze verkaufen wie eine Ware, so wie ein Gemüsehändler Kartoffeln verkauft. Ein Volks-Tanzlehrer muß vor allem Respekt haben vor seinem eigenen Lehrgegenstand, dem Volkstanz. Volkstanzlehrer/ -innen und Tanzgruppenleiter, die keinen Respekt haben vor der hohen kulturellen, bisweilen sogar kultischen Bedeutung des Volks­tanzes, sind meines Erachtens verantwortlich für das niedrige Image des Volkstanzes. Seit 100 Jahren wird der Volkstanz verraten von Lehrern, die damit lediglich eine billige Erholung - und schnelles Geld machen wollen.

10. Ein Tanzlehrer/eine Tanzlehrerin muß sich heute - nach meiner Meinung - immer bewußt sein, daß er/sie durch seine Lehre einen Vorschlag macht für eine andere Gesellschaft, für eine andere Art von Leben. Eine tanzende Gesellschaft wäre etwas anderes als die heutige. Das Ziel ist nicht, daß ein Syndikat von Tanzlehrern die Tänze als Ware ordert und verkauft, sondern daß diese Tänze wie­der zurückkehren in die Familien, in die Kirche und die anderen Orte, von denen sie ehemals gekommen sind. Damit schlage ich eine Ideologie vor im Sinne eines Gesellschaftsbildes und als Ziel­projektion. Ohne solche »Ideologie« werden die Tanzlehrer/-innen vulgäre Bewegungshändler.

                                                                                           Alkis Raftis

(Herzlichen Dank an Klaus Kramer für die sprachlichen Korrekturen und die Überarbeitung meines Textes.)

 

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